Blockchain und Leviathan: Institutionen unter Druck

Vor den Auswirkungen disruptiver Technologien fürchten sich viele Unternehmen, die in einem bestimmten Bereich bis heute eine Art Gatekeeper-Stellung ausüben konnten. Mittels der Blockchain-Technologie könnten sich derartige Strukturveränderungen bald auch bis auf die institutionelle und staatliche Ebene hin ausbreiten. Blockchain als neues Regelsystem für Transaktionen könnte die nächste Evolutionsstufe des Internetbedeuten. Veränderung ist heute überall dort zu erwarten, wo dieses neue Prinzip ein überlegenes Angebot gegenüber alteingesessenen Institutionen wie Banken, Versicherungen oder Notariatsdiensten bieten kann. Die Folge könnte ein Prozess sein, den ich als “Disrupted Governance” bezeichne. Dies könnte die Infrastruktur unserer Wirtschaft und auch den Staat selbst dramatisch herausfordern und ändern.

 

Die Allmacht des Leviathan

In seiner staatsphilosophischen Streitschrift “Leviathan” (1651) verglicht Thomas Hobbes die Allmacht des Staates mit der Unbezwingbarkeit eines biblischen Ungeheuers. Diese absolute Gewalt bezwingt den menschlichen Naturzustand, denn im Grunde ist der Mensch des Menschen Wolf: Homo homini lupus. Aus Sicht von Hobbes macht es also Sinn, dass die Menschen sich einer regelnden Macht, dem Staat unterwerfen.
Als Bürger oder Unternehmer sind wir alle dieser Allmacht einer übergreifenden Ordnung ausgesetzt, auch wenn diese heute demokratisch legitimiert und regulatorisch begrenzt wird.
Das Hobbes’sche Ungeheuer schränkt unsere Freiheitsgrade ein, kontrolliert und, zwingt uns Regeln auf und kann – im Extremfall – wirtschaftlich eigentlich sinnvolles Handeln verhindern.
Der Leviathan wirkt heute längst nicht mehr so ungezähmt und bedrohlich wie zur Ursprungszeit von Hobbes’ Schrift wirkt. Dennoch müssen wir uns auch heutzutage noch mit allerlei kleinen Ungeheuern wie Banken, KfZ-Zulassungsbehörden, Ordnungsämtern, Notariaten und Versicherungsgesellschaften herumärgern, obwohl wir doch eigentlich nur gewisse Dinge geregelt bekommen wollen. Oft ist es so: anstatt dass wir etwas geregelt kriegen, werden wir gemaßregelt.

Anstatt dass wir etwas geregelt kriegen, werden wir gemaßregelt.

Auch heute noch sind wir also in vielen Situationen der Allmacht eines Gatekeepers, einer zentralen Instanz, ausgeliefert, für die es zumindest für den konkreten Einzelfall keine Alternative zu geben scheint.
 

Zähmung durch Digitalisierung?

Die freiwillige Unterwerfung der Menschen unter eine starke Regelgewalt ist quasi eine Art “Institutional Choice”.  Dies wirft die Frage auf, ob es nicht Alternativen zu zentralen und hoheitlichen Regelungen geben kann, um das Ziel einer ausgeglichenen und gerechten Ordnung zu erreichen. Die Digitalisierung hat bereits zahlreiche überkommene Strukturen hinweggefegt und es könnte sein, dass auch bei den uns heute noch so vertrauten Systemen wie Banken und dem Staat dieses Ungeheuer ausgetrieben oder zumindest weiter gezähmt werden könnte. Denn es gibt zunehmend neue institutionelle Angebote.
Blockchain heisst das neueste und vielversprechendste Angebot dieser Art. Um was aber handelt es sich bei der Blockchain? Und warum ist sie so bedeutsam? Etwas vereinfacht gesprochen könnte man sagen, Blockchain sei das grundsätzliche Prinzip welches sich hinter dem Kryptogeld Bitcoin verbirgt. Das stimmt zwar, ist aber nur die halbe Wahrheit. Denn Blockchain ist weit mehr als nur eine Technologie, sondern vielmehr ein grundsätzlich neues Prinzip für Transaktionen jeder Art sowie der Zertifizierung von Werten (zur grundsätzlichen Funktionsweise der Blockchain gibt es hier mein kostenloses Whitepaper).
Die Entwicklung und die Dynamik der Blockchain-Anwendungen zeigt vor allem eines: zu überkommenen Institutionen gibt es plötzlich Alternativen. Als erstes nutzen das die Underdogs, später werden andere auf eingetretenen Pfaden folgen.
 

Die drei Phasen der Blockchain-Entwicklung

Auch wenn sich die meisten Blockchain-Entwicklungen nach wie vor in einem Pilotzustand befinden, lassen sich insgesamt drei Phasen, die einer sehr frühen Entwicklungsphase, der konzeptionellen Erweiterung und des Übergangs zu grundsätzlich neuen Anwendungsformen unterscheiden.
Die erste Phase der Entwicklung von Blockchain-Anwendungen (Blockchain 1.0) war tatsächlich auf Kryptowährungen wie Bitcoin sowie damit zusammenhängende Finanztransaktionen fokussiert.
In der nächsten Entwicklungsstufe (Blockchain 2.0 ) geht es um Smart-Contract-Modelle. Ein Smart Contract legt einen Algorithmus fest für vorgegebene Prozesse innerhalb einer Transaktion, ohne dass ein Intermediär involviert ist. Sämtliche Prozesse laufen als Peer-to-Peer-Transaktionen ab.
Die Initiative Brooklyn Microgrid stellt ein Peer-to-Per-Abrechnnungssystem für Energieproduzenten und -verbrauchern zur Verfügung. Versorgung und Bezahlung werden vollautomatisch , gesichert und anonym über Smart Contracts geregelt. In Kombination mit Technologien wie der TESLA Powerwell ergibt sich hier ein disruptives Bedrohungsszenario für die vollintegrierten Energieversorger.
In einer dritten Evolutionsstufe (Blockchain 3.0) könnten sich Smart Contracts zu dezentralen, autonomen Organisationseinheiten weiterentwickeln. Das erste völlig autonome Unternehmen (The DAO) sammelte zu Beginn 2016 in nur drei Wochen über 160 Millionen Kapital ein.  – bis heute das weltweit bisher erfolgreichste Crowdsourcing-Projekt, allerdings auch das wohl umstrittenste. Durch einen Hack wurden im Juni Millionen Dollar an Investorengeld beiseite geschafft, allerdings hat die Community über 5o Prozent der Gelder wieder sichern können. Die dritte Stufe ist also eher noch ein einer unvollständigen Konzeptphase und zeigt vielleicht erste Grenzen des Blockchain-Prinzips – sie ist die “Frontier”, an der sich die Blockchain-Pioniere heute aktuell ausprobieren.
 

Bei Blockchain geht es um Vertrauen, nicht um Geld

Die nächsten realen Anwendungsfälle werden sich heute also zunächst vor allem rund um Smart Contracts entwickeln – allerdings zunehmend außerhalb des Finanzbereichs, wo Blockchain ebenfalls revolutionäres Potenzial besitzt.
Blockchain wird überall dort ausprobiert werden, wo vertrauensvolle Transaktionen durchgeführt werden müssen ohne dass zwischen den Teilnehmern der Transaktion eine vertrauensvolle Beziehung bestehen würde.
Ein Beispiel: wenn Sie einem guten Freund hundert Euro leihen, werden sie sich darauf verlassen können, dass er alles dafür tut, Ihnen das Geld zurückzuzahlen. Bei einem Unbekannten wären Sie vorsichtiger oder würden erst gar nichts verleihen. Zumal Sie das Problem hätten, Zahlungen, Identitäten und Rechtsfolgen eindeutig und sicher für alle Beteiligten festzuhalten. In der Regel wäre der Aufwand zu groß und die Transaktion käme nicht zustande. Die Blockchain ermöglicht genau diese Art von Transaktionen und könnte viele Transaktionen ermöglichen, zu denen heute das Vertrauen fehlt.

Blockchain ermöglicht vertrauensvolle Transaktionen zwischen Teilnehmern ohne vertrauensvolle Beziehung.

Blockchain könnte also die ultimative “Trust-Machine” werden und würde damit die digitale Volkswirtschaft auf ein völlig neues Niveau bringen, da mehr Vernetzung und mehr Transaktion zustande kämen.
 

Vertrauens-Anwendungen

Eine sehr naheliegende Anwendung sind Identitätsdienste, wie sie in der Nutzerverwaltung gang und gäbe sind. Das Startup Blockstack Labs (früher Onename) erstellt beispielsweise einen virtuellen Ausweis, mit dem sich Nutzer eindeutig identifizieren und unter ihrer eigenen Identität in sozialen Netzwerken einloggen können.
Die Anwendungen gehen aber weit über das Nutzermanagement in Blogs, Foren oder Online-Marktplätzen hinaus und könnten in Zukunft auch Führerschein oder Personalausweis ersetzen.
Hier ergibt sich also ein umfangreiches neues Geschäftsfeld für Governance-Anwendungen – seien sie für die unternehmensinterne Anwendung oder für eine Organisation hoheitlicher Aufgaben. Den Blockchain-Anwendungsfällen sind prinzipiell keine Grenzen gesetzt. Auf diesem neuen Markt bewegt sich auch das schwedische Startup Bitnation. Die Anwendung speichert öffentliche Verwaltungsvorgänge wie Verträge, Versicherungen oder Urkunden auf einer Blockchain.
Vorreiter ist wieder einmal das E-Government-Musterland Estland, wo seit 2015 Eheschließungen über Bitnation offiziell möglich sind. Die tiefere Romantik einer Hochzeit über die Blockchain erschliesst sich heute vielleicht nur eingefleischten Nerds – aber sie ist möglich.
Gerade für Entwicklungs- und Schwellenländer, in denen Korruption und eine ineffiziente Verwaltung an der Tagesordnung sind, ergeben sich Chancen durch Blockchain. Länder wie Honduras oder Tunesien planen bereits an einer Umsetzung des Grundbuchamtes auf Blockchain-Basis. Überall dort, wo  Bürger und Unternehmen den Institutionen und Intermediären nicht trauen können, werden Blockchain-Anwendungen zu einer echten Alternative.
Aber es könnte noch bunter werden: denn notarielle Blockchain-Angebote könnten die staatlichen Institutionen in einen weltweiten Wettbewerb stürzen. Estland hat das bereits erkannt und bietet eine transnationale Bewerbung als sogenannter “E-Resident” an. Dort können sie also virtueller Estländer werden und die estländischen Notariatsdienste weltweit nutzen (hier gibt es Statistiken über die Nutzung – aus Deutschland haben sich Stand August 2016 bisher 550 Menschen angemeldet).
 

Neue Grenzen zwischen Staat und Markt

Die Grenzen zwischen Staat und Wirtschaft könnten sich durch derartige Anwendungen stark verschieben. Bevor wir aber ablehnend reagieren und sofort Missbrauch wettern, sollten wir uns überlegen, ob die neuen Blockchain-basierten Institutionen nicht ein wesentlich effizienteres Regime darstellen als das hoheitliche Angebot in manchem Staat. Bevor man also ordnungspolitische Regulierung fordert, sollte man die Wohlfahrtseffekte der neuen volkswirtschaftlichen Dynamik begreifen, die die Blockchain bieten könnte. Für die Neue Institutionenökonomik – für die die Blockchain ein gewaltiges Forschungsfeld bietet – definiert Institutionen als formale und informelle Regeln einschließlich der Mechanismen ihrer Durchsetzung, welche das Verhalten von Individuen in Transaktionen beschränken.
Institutionen dienen somit der Reduzierung von Unsicherheit und fördern dadurch die Möglichkeit zwischenmenschlichen Tauschs. Kurz: wenn eine Blockchain-Anwendung dieses Ziel mit geringeren Transaktionskosten als eine staatliche Organisation erwirkt, ist sie ökonomisch betrachtet überlegen. Eine Regulierung wäre somit volkswirtschaftlich nachteilig.
Eines steht als schon jetzt fest: Blockchain könnte die optimale Grenze zwischen Organisation (Staat oder Unternehmen) und Markt entlang der Transaktionskosten verändern. Unser Risiko in den westlichen Ländern ist, dass wir relativ hoch entwickelte Infrastrukturen haben, die aber ihrerseits wiederum auf inferioren Regeln beruhen. Hier liegt die Chance der Schwellenländer, aber auch krisengeschüttelten Staaten wie Griechenland: anstatt die altbewährten Infrastrukturen aufzubauen, gleich auf die verteilten und komplett virtuellen Systeme zu setzen.
 

Disrupted Governance

Lawrence Lessig hat 2000 in seinem Aufsatz “Code is Law!” auf die grundsätzliche Idee einer Ersatzes staatlicher Normen durch Technik hingewiesen. Mit Blockchain kommen wir dieser Vision ein gutes Stück näher – und all ihren Herausforderungen.
Im September letzten Jahres hatte ich auf einem Vortrag im Umfeld der Bundeswehr dafür erstmals den von mir entwickelten Begriff “Disrupted Governance” benutzt. Jochen Reinhardt vom BIW/ AFCEA fasste es so zusammen “Das liebe Internet ist vorbei!” Disrupted Governance beschreibt  am besten das Szenario, welches denjenigen Institutionen droht, welche die superioren Mechanismen der Blockchain (oder anderer) nicht in ihre Infrastrukturen und Regelungssysteme integrieren.

Disrupted Governance beschreibt einen Ablösungsprozess bestehender Steuerungs- und Regelungssysteme durch technologische Innovation.

Das Prinzip der disruptiven Technologien geht zurück auf Clayton M. Christensen. Disruptive Technologien sind etablierten Produkten anfangs meist unterlegen. Beispielsweise bot Voice-over-IP gegenüber der klassischen Telefonie in Bezug auf Bedienbarkeit, Zuverlässigkeit und Qualität anfangs keine Mehrwerte, deshalb wurde weiter klassische Telefonie benutzt.  Dennoch erreichte die Basistechnologie in kurzer Zeit eine Reife, die für die meisten Nutzer ausreichend war, so dass sich zunächst bei den internationalen Gesprächen plötzlich ein Wechsel ergab.
Aber Disruption staatlicher Normen und hoheitlich geschützter (regulierter) Institutionen durch Blockchain? Sind wir da wirklich schon? Haben Bitcoin und Blockchain wirklich heute schon eine derartige Bedeutung? Und müssen wir uns heute schon mit diesem Thema befassen? Immerhin spielen die Bitcoin-Transaktionen an den internationalen Währungsmärkten in Bezug auf Nutzerzahlen und Handelsvolumina heute noch eine geringe Rolle. Die absolute Zahlen sollten allerdings nicht über das strukturverändernde Potential dieser Neuerungen hinwegtäuschen, denn sie sind grundsätzlicher Natur. Es gilt heute die Herausforderung zu verstehen und sprachfähig zu werden, um morgen handlungsfähig zu sein. Gunther Dueck hat zehn Prozent als die Todeslinie der Disruption bezeichnet. Soll heißen: wenn wir es klar und deutlich sehen können, wird es zu spät sein, um zu reagieren.

Neuer Leviathan aus der Blockchain?

Noch steht es nicht fest: wird Blockchain dieses Ungeheuer besiegen oder wird eine neue Allmacht aus der Matrix erwachen? So werden die Regeln der privaten Blockchain-Anwendungen etwa oft von kleinen Gruppen beherrscht (wie etwa beim R3 Consortium, einem Zusammenschluss von vierzig globalen Finanzinstitutionen auf der Suche nach einem Nachfolger zum Zahlungssystem SWIFT).
Wird aus der Blockchain also ein neues Ungeheuer entstehen, welches die Freiheit der Menschen auf neue Weise einschränkt? Aber wir müssen schon heute danach fragen: wie lassen sich Mitbestimmung der Peers an den grundlegenden Regeln der Blockchain-Anwendungen sichern?  Code oder Gesetze, Blockchain oder Staat, Hacker oder Juristen? An dieser Scheidelinie könnten uns demnächst grundlegende Änderungen erwarten und muss heute eine breite Debatte einsetzen.


 

Blockchain-Whitepaper

Mein kostenloses Blockchain-Whitepaper soll ein wenig Licht in das Dunkel der Blockchain-Geheimnisse bringen und auch Entscheidern ermöglichen, mitzureden und Chancen für sich zu erkennen und vertiefen zu können. Nicht zuletzt sollen Brücken gebaut werden zwischen Technologie-Enthusiasten und Unternehmern.
https://www.vehmeier.com/blockchain-whitepaper
 

Blockchain-Seminar

Die Bedeutung der Blockchain für Geschäftsmodelle, Wachstum und Business Development ist Inhalt des eintägigen Praxis-Seminars zum Thema Blockchain, welches am 9. September in Köln stattfindet. Mehr unter http://www.blockchain-seminar.de


Bild:Titelblatt von Hobbes’ Leviathan. http://www.loc.gov/exhibits/world/world-object.htmlhttp://www.securityfocus.com/images/columnists/leviathan-large.jpg, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=226072

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