Wireframes, Skizzen, Prototypen: Was bleibt, wenn die Maschinen übernehmen?

Wireframes, Skizzen, Prototypen: Was bleibt, wenn die Maschinen übernehmen?

Warum Design-Artefakte verschwinden – und Entscheidungsarbeit wichtiger wird

In vielen Produkt- und Innovationsteams macht sich Unsicherheit breit, ob die Kunden auch in Zukunft noch Experten für Design brauchen. Wer einmal Claude Code oder andere KI-Coding-Tools ausprobiert hat, sieht, wie schnell heute Interfaces entstehen können, wie die KI Layouts, Texte und Code produziert, wie Ideen direkt „lebendig“ werden. Und dann stellt sich fast zwangsläufig die Frage: Müssen wir das alles noch machen? Wireframes, Figma, Designprozesse? Oder können wir nicht einfach direkt bauen? Am Ende baut’s doch eh die KI! Diese Frage ist berechtigt.

 

Wireframes waren nie ein Design-Artefakt

In der oben beschriebenen Lesart könnten also Zwischenergebnisse wie Wireframes also als überholtes Relikt betrachten. Und tatsächlich ist die Meinung in vielen Agenturen und Labs verbreitet. Sie ist dennoch nicht richtig. Denn Wireframes waren nie ein Design-Artefakt, sie waren nicht bloß eine unfertige Oberfläche oder ein unästhetischer Zwischenschritt. Ihr Wert lag nicht im Visuellen, sondern im Denken und Reden über die Sinnhaftigkeit des Designs.

Wireframes waren und sind ein Mittel, um Struktur, Logik und Entscheidungen sichtbar zu machen. Sie halfen (und helfen) Teams dabei, sich eine mögliche Zukunft vorzustellen, ohne sie bereits festzuschreiben. Genau dadurch wurden diese Zukünfte diskussionsfähig. Wir haben früher immer gesagt: Der Kunde weiß erst dann, was er will, wer er es sieht“. Man muss also etwas bauen, ohne es schon zu bauen, um überhaupt gemeinsam darüber sprechen zu können. Denn Product Design ist eine Zukunft, etwas das Vorstellungskraft benötigt. Und die ist nun einmal unterschiedlich gut ausgeprägt.

Das Missverständnis begann also dort, wo Wireframes als „halbes Design“ gelesen wurden. Wer sie so interpretiert, bewertet sie nach falschen Kriterien – und erklärt sie irgendwann für obsolet.

KI verstärkt dieses Missverständnis noch. Heute entstehen hochpolierte Interfaces in Minuten. Sie sehen wahnsinnig überzeugend aus, sie fühlen sich bereits an wie das finale Design und erzeugen früh ein Gefühl von Fertigkeit. Das Problem ist nicht die Qualität dieser Ergebnisse, sondern ihre Wirkung. In Design Labs spricht man bei so etwas auch von High Fidelity Prototypen.

Das Problem ist nun, dass visuelle Reife immer schon Verbindlichkeit erzeugt. Sie suggeriert dem Team und dem Kunden, dass die wichtigen Fragen bereits geklärt seien. In Wirklichkeit kann High-Fidelity strukturelle Schwächen überdecken: unklare Prioritäten, falsche Annahmen über Nutzerverhalten, implizite Entscheidungen, die niemand bewusst getroffen hat. High-Fidelity ersetzt keine konzeptionelle Klarheit. Im Gegenteil: Je früher sie einsetzt, desto größer ist das Risiko, dass Fehlentscheidungen stabilisiert werden, statt sie rechtzeitig zu erkennen.

Wireframes, Skizzen, Prototypen: Was bleibt, wenn die Maschinen übernehmen?

 

 

Gutes Design ist ein Entscheidungsproblem

Herausragende User Experiences entstehen nicht, weil die Oberflächen schön oder technisch elegant sind. Sie entstehen, weil die richtigen Entscheidungen früh getroffen wurden: darüber, was wichtig ist, was optional ist, was Nutzer selbst entscheiden dürfen und wo das System Verantwortung übernimmt. Genau hier lag und liegt auch immer noch die Stärke klassischer UX-Arbeit. Wireframes waren ein Werkzeug, um diese Entscheidungen zu explizieren, bevor sie sich in Designsysteme, Code oder Organisation einschreiben.

Heute kann man natürlich etwas anders vorgehen. Die KI kann heute Varianten erzeugen, Alternativen vorschlagen, Lösungen explorieren. Was sie nicht kann, ist jedoch Verantwortung übernehmen. Sie trifft keine Entscheidung darüber, welche Erfahrung in einem bestimmten Kontext sinnvoll, fair oder nachhaltig ist. Diese Verantwortung bleibt menschlich. Wireframes haben dazu geführt, dass allen im Team und auch dem Kunden nachvollziehbar klar wurde, warum etwas wie funktioniert. Die getroffenen Entscheidungen waren daher nachvollziehbar.

 

Brauchen wir noch Wireframes?

Vielleicht brauchen wir in Zukunft keine Wireframes mehr. Die Methode und das Tool ist vielleicht obsolet geworden, aber wir brauchen etwas, das ihre Funktion ausübt.  Jedes Projekt braucht eine strukturelle Klarheit und Nachvollziehbarkeit von Entscheidungen. Mt Wireframes konnte diese Klarheit leicht hergestellt werden – besonders in der Discovery- und Strategiephase. Dort reduzierten sie Risiko, bevor der Aufwand entstand. Ihr Nutzen stieg mit der Komplexität des Produkts und der Organisation. Je mehr Abhängigkeiten, regulatorische Zwänge oder fachliche Perspektiven im Spiel waren, desto größer ihr Hebel.

Wenn Wireframes in Zukunft also wegfallen sollten, muss etwas anderes diese Funktion übernehmen: vielleicht Narrative, Szenarien, Entscheidungsmodelle oder bewusst rohe Prototypen. Das Artefakt ist austauschbar, die Denkaufgabe und die Funktion nicht. Es wäre also nicht unbedingt ein Fehler, Wireframes zu streichen. Es wäre aber sehr wohl ein Fehler, die Klärung zu streichen, die sie ermöglicht haben.

 

Weniger Artefakte, mehr Verantwortung

UX-Arbeit wird dadurch nicht kleiner, sondern anspruchsvoller. Sie verschiebt sich weg vom Produzieren hin zum Strukturieren. Weg vom Interface hin zum Entscheidungsdesign.

Für Produkt- und Innovationsmanager bedeutet das: UX ist keine Servicefunktion, die man beschleunigen sollte, sondern eine Kompetenz, die Fehlentscheidungen früh sichtbar macht. Richtig eingesetzt spart sie Zeit und Kosten – nicht durch Geschwindigkeit, sondern durch vermiedene Umwege.
Der Return on Investment (ROI) von UX entsteht selten dort, wo man ihn messen möchte. Er entsteht dort, wo man Dinge nicht gebaut hat.

 

Wohin sich Designarbeit wirklich bewegt

Was wir aktuell beobachten, ist keine Abschaffung von UX, sondern eine Verschiebung ihrer Schwerkraft. Gestaltung rückt näher an Entscheidung, näher an Strategie, näher an Verantwortung. Und weiter weg von isolierten Artefakten.

Interfaces entstehen heute schneller, oft direkt im Code. Visuelle Exploration wird billiger, variantenreicher und zugänglicher. Das verändert den Workflow – aber nicht seinen Zweck. UX wird weniger eine Abfolge von Schritten und mehr ein kontinuierlicher Denkprozess, der sich durch Discovery, Entwicklung und Betrieb zieht.

Wireframes verlieren dabei ihre Sonderstellung als Pflichtartefakt. Sie tauchen situativer auf: dort, wo Struktur unklar ist, wo viele Perspektiven zusammenkommen, wo frühe Festlegungen teuer wären. In anderen Kontexten werden sie ersetzt durch Szenarien, narrative Prototypen oder direkte Simulationen. Die Form wechselt. Die Funktion bleibt. Gleichzeitig verschiebt sich die Rolle von Design- und Produktkompetenz. Wer heute wirksam UX betreibt, verbringt weniger Zeit mit dem Zeichnen von Lösungen und mehr Zeit mit dem Gestalten von Entscheidungsräumen. Welche Optionen sind sichtbar? Welche sind bewusst ausgeschlossen? Wo hilft Führung, wo Offenheit?

Nun könnte man noch einen Schritt weitergehen und fragen, ob es denn in Zukunft überhaupt noch gleich Designs für alle User geben wird. Schließlich könnten die Agenten ja die Moderation übernehmen und adaptive Designs bauen, die auf den jeweiligen Zustand abgestimmt sind, in dem sich Mensch und Agent in ihrer Arbeit gerade befinden. Aber auch dafür müssen Frameworks und Ideen entwickelt werden, wenn ein Design konsistent bleiben und markengerecht soll.

Absprachen und Entscheidungen zum Design werden also noch für absehbare Zeit den Menschen benötigen. Und dabei wird KI nicht zum Ersatz, sondern zum Verstärker. Sie beschleunigt die Exploration, senkt Produktionskosten und kann Alternativen früher sichtbar als bisher machen. Was sie nicht liefert, ist Orientierung. Sie kann im Gegenteil durch den ihr innewohnenden Überfluss auch ganz schön verwirren. Orientierung entsteht auch in nächster Zeit weiterhin im Zusammenspiel von Menschen, die Verantwortung für Kundenerlebnis, Organisation und Markt tragen.

Der „perfekte Workflow“ ist deshalb kein Tool-Stack und kein neues Prozessmodell. Er ist flexibel, problemgetrieben und kontextsensitiv. Er nutzt KI dort, wo Geschwindigkeit hilft, und hält bewusst inne, wo Klarheit wichtiger ist als Tempo. UX im KI-Zeitalter wird leiser, weniger sichtbar – und gleichzeitig einflussreicher. Nicht, weil mehr gestaltet wird, sondern weil besser entschieden wird.

 

Quellen

Simon, H. A. (1969): The Sciences of the Artificial. MIT Press. URL: https://mitpress.mit.edu/9780262691918

Norman, D. A. (2013): The Design of Everyday Things. Basic Books.

Jingidy (2018): Wireframes Are Dead. Medium. URL: https://jingidy.medium.com/wireframes-are-dead-f732441aae8b

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