Immer noch Neuland?

Unsere Kanzlerin Angela Merkel versucht beim Besuch des US-Präsidenten die NSA-Affäre kleinzureden und bezeichnet die ganze Situation als Neuland. Selbstredend gibt es das Internet schon seit Ewigkeiten und selbstverständlich weiß Merkel mehr, als sie zugibt. Aber die Entschuldigung wirkt zum Teil. Und daher sagt der Begriff Neuland mehr über die Mehrheit in dieser Gesellschaft aus, als über Frau Merkel.

Aus meiner Arbeit im Stab eines DAX-Konzerns weiß ich, dass solche Begriffe fast nie spontan entstehen sondern das Ergebnis ausgiebiger Vorbereitungen und Abstimmungen der zwischen den Stabsmitarbeitern, dem Redenschreiber und dem Redner sind. Es ist für mich daher praktisch ausgeschlossen, dass Merkel das Wort “Neuland” quasi spontan benutzt hat. Der Begriff ist bewusst gewählt worden, weil die Mehrheit der Bevölkerung sich damit besänftigen lässt.

Auf der einen Seite die Netzversteher, die Frühchecker, die sog. Digitale Bohème. Auf der anderen Seite die Spätzünder, die Dinosaurier, die Zeitungsleser.

Der investigative Journalist Richard Gutjahr schreibt ganz zu Recht:
“Die übertriebene, bisweilen hysterische Reaktion aus dem Netz ist symptomatisch für unsere Gesellschaft und die digitale Mauer, die uns noch immer trennt: Auf der einen Seite die Netzversteher, die Frühchecker, die sog. Digitale Bohème. Auf der anderen Seite die Spätzünder, die Dinosaurier, die Zeitungsleser.
Der Übergang von der analogen in die digitale Welt ist viel gewaltiger und weitaus komplexer, als viele von uns es wahrhaben wollen. Das Web ändert alles, die Art wie wir leben, wie wir uns informieren, wie wir denken.”
Das Internt ist nicht nur eine neue Technologie, sondern verändert unsere Kultur, unser Denken. Viele sind eben noch nicht dort angekommen und lassen sich daher vom Begriff Neuland einfangen.
Gutjahr bemerkt:  “Somit hat Angela Merkel Recht, wenn sie in diesem Zusammenhang von einem “Neuland” spricht. Wir alle stecken mitten drin in diesem Prozess, uns als Gesellschaft neu zu erfinden. Keiner von uns weiß, was am anderen Ufer auf uns wartet. Ob analog oder digital, ob Zeitung oder iPad, ob jung oder alt – wir alle müssen unsere Talente mit einbringen und uns dieses Neuland gemeinsam erschließen.”
Hier der ursprüngliche Beitrag der DW über Merkel.

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