Plattformen, Offenheit und Kooperation

Tatsächlich hab ich doch endlich einmal eine Erwiderung auf meine zahlreichen Rants gegen meine Beraterkollegen aus der Digitalzunft erhalten.
Wer Märchen mag, dem empfehle ich mein „Märchen vom Digitalen Schlaraffenland“. Es stammt von 2008 und seitdem hat sich an der Einstellung der digitalen Jubelperser nicht viel geändert.


 
 

Sind Plattformen nun gut oder böse?

In vielen Beiträgen geht es darum, ob die Plattformen der App-Ökonomie nun ein Segen sind und uns das Leben leichter machen oder ob wir dadurch in eine schreckliche Abhängigkeit zu den Internet-Giganten geraten.
Das ist nicht leicht zu beantworten, aber man kommt in den sozialen Medien nicht umhin, hier und dort Stellung zu beziehen.
Damit eines klar ist: ich verdiene ebenfalls einen Großteil meines Geldes damit, Unternehmen digitale Strategien zu entwickeln und ihnen bei der bevorstehenden Digitalen Transformation zu helfen. Ich bin zwar Ökonom, aber keiner, der sein VWL-Wissen auf vom Katheter herunter lehrt, sondern jemand, der nicht anders kann, weil er sich seit den zwanziger Jahren seines Lebens fragt, welche volkswirtschaftlichen Modelle in der Netzökonomie noch eine Rolle spielen.
Was mir regelmäßig die Ruhe raubt, sind aber völlig unkritische Jubelarien über UBER & Co. – ebenso wie der Hass auf die Plattformen. Insgesamt stände der Diskussion ein wenig Ruhe und Bedächtigkeit ganz gut.
 

Plattformen  – ein unbestimmter Begriff

Vielleicht wäre es daher ganz gut, erst einmal zu bestimmen, was der Begriff ‘Plattform’ eigentlich aussagt. Was ist das überhaupt – eine Plattform? Als wissenschaftlicher Begriff ist er jedenfalls nicht haltbar. Und diese Unbestimmtheit erklärt schon einen Großteil des Ärgers in den damit zusammenhängenden Diskussionen.
Eine Plattform – da geht es um APIs, da geht es AppStores, …. aber da geht es im Kern immer darum, dass jemand – nämlich er Betreiber der Plattform – Regeln aufstellt, die andere zu befolgen haben. Diese Regeln können durchaus technischer Natur sein – egal, es bleiben Regeln.
Aus Sicht der Institutionenökonomie ist eine Plattform zunächst eine Institution, die es Usern und App-Herstellern ermöglicht, zu niedrigeren Transaktionskosten zusammenzufinden. Diese Transaktionskosten können Suchkosten sein, können den Aufwand umfassen, die App zu installieren und zu konfigurieren, können Lieferung und Zahlung umfassen. Eine starke Plattform wie etwa der AppStore für iOS regeln diese Aufgaben effektiv.
Der Betreiber einer Plattform bietet also seinerseits eine Kernleistung an, die alle Player auf der Plattform nutzen. Der Plattformbetreiber und der App-Entwickler schließen also einen Vertrag über eine Zusammenarbeit ab, um gemeinsam zu niedrigeren Transaktionskosten Angebote beim Nutzer platzieren zu können. Insofern ist jede Plattform auch eine Form der Kooperation.
Eine Plattform kann also zunächst eine sinnvolle Institution sein, weil sie es ermöglicht, dass sich zusätzliche Vernetzung ergibt und ein Handeln im Digitalen stattfindet.
 

Der Wettbewerb der Plattformen neigt zum Monopol

Innerhalb der Plattformen unter den Regeln der Betreiber kann jedermann seinen Erfolg suchen. Anders sieht es im Wettbewerb zwischen den Plattformen aus – nicht der Markt auf denen die Taxifahrer sich andienen dürfen, sondern der Markt auf dem die Taxigenossenschaften, Mytaxi und andere gegen UBER kämpfen.
Für einen Winner-takes-all-Markt spricht vieles, denn dergleichen haben wir auf anderen Netzmärkten zur genüge gesehen. Facebook hat eine Vielzahl an Communities überflüssig werden lassen, ebay dominiert den Markt für Kleinanzeigen und auch bei eBooks macht es einfach kaum Sinn EBooks zu kaufen, die nicht auf dem Kindle gelesen werden können.
Ansgar Baum meint, wenn es bloß 50% oder ein bisschen mehr wären, wäre es in Ordnung. Eine sinnvolle Ordnung im Sinne einer sozialen Marktwirtschaft ist das alles nicht! Ordnungspolitisch kann man bei vielem von dem, was die Internet-Giganten tun, Missbrauch einer marktbeherrschenden Stellung beobachten.
 

Digitale Pizzabringdienste

Was sollen die Unternehmen nun tun, um sich in dieser neuen Ökonomie einzurichten? Das naheliegende ist, selbst innovativ zu werden und selbst Plattformanbieter zu werden. Innovation steht prinzipiell jedem Unternehmen offen – und ich empfehle in meinen Workshops und Beratungen auch meist Innovationsansätze, um eben selbst Nischen mit Plattformansätzen zu füllen. Aber dieser Weg steht nicht allen offen bzw. nicht jedes Unternehmen verfügt über die Fähigkeit dazu. Auch wenn Beuys der Meinung war, jeder sei ein Künstler, muss das nicht der einzige Weg sein.

Kooperation ist der entscheidende Weg neben der Innovation, um als Mittelständler Stärke aufzubauen.

Ein Konsortialansatz, wie Baum vermutet schwebt mir übrigens nicht vor. Branchenübergreifende Ansätze waren meist Papiertiger oder eine Idee nach einer guten Flasche Wein. Am nächsten Tag ist jeder Unternehmer oder Manager seinen Share- und Stakeholdern dann doch wieder näher und die Ideen des Konsortiums verlaufen sich im Leeren.
Schaut man sich jedoch einmal die Widerstandsstrategien freier Unternehmer gegen Konzentrationstendenzen an, so steht Kooperation ganz vorn.
EDEKA – die Einkaufsgemeinschaft deutscher Kaufleute, hagebau – die Handelsgesellschaft für Baustoffe und tausende anderer Kooperationen haben vor allem im Handel die mittelständische Struktur der deutschen Wirtschaft erhalten. Dabei mussten diese neuen Meta-Unternehmen teilweise die Methoden der Etablierten übernehmen, haben sie jedoch – dort wo es gut ging – mit unternehmerischem Eifer und Engagement auf der Mikroebene verbunden. Bis heute werden die sehr erfolgreichen REWE-Supermärkte in der Mehrzahl von Eigentümern und nicht von der Konzernzentrake geführt. Gleichermaßen haben die Unternehmer in den Verbundgruppen Anteile an der Zentrale. Dies ist ein elementarer Unterschied zur Sklavenbeziehung, die UBER zu seinen Partnern pflegt.
Wer es immer noch nicht glauben mag – jetzt wäre noch Zeit, sich das oben angesprochene Märchen noch einmal durchzulesen.
Ich habe meine Beratungsfirma im Jahr 2000 gemeinsam mit meinem Vater Gustav Vehmeier gegründet (RIP). Er hatte zu Lebzeiten an die Kooperationsfähigkeit und –willigkeit der Unternehmer geglaubt und als Geschäftsführer die hagebau von einem lockeren Club zu einem der marktführenden Unternehmen im Baustoffhandel und do-it-yourself entwickelt. Viele der Unternehmer habe ich persönlich kennengelernt und immer war dieser Spagat zu spüren zwischen der Notwendigkeit zusammenzuarbeiten und dem Wunsch etwas Eigenes zu tun. Aber worin liegt dieses Eigene? Es muss nicht notwendigerweise alle betriebswirtschaftlichen Funktionen umfassen. Wir waren uns damals einig, dass sich im Internet gewaltige Konzentrationstendenzen entwickeln werden und es Formen der Kooperation geben muss, wenn sich eine breite Unternehmerschaft halten will
Andere Kooperationsformen sind straffer organisiert, etwa Franchise, andere lockerer, wie die Genossenschaften.
Aber auch im Internet lassen sich kooperative Formen finden. Die Sharing-Economy benutzt ja dauernd diesen Begriff des Teilens. Kooperation hat sehr viel mit Teilen zu tun.
Sharing ist nur der Anfang. Es gibt noch lange nicht genug Kooperationsansätze im Digitalen. 2007 habe ich dazu den Artikel “Von der Community zur Genossenschaft” geschrieben.
Im Kern geht es jetzt darum, die Offenheit und Schnelligkeit von Open Source mit der Verbindlichkeit und den Prinzipien der Gegenseitigkeit, die man aus dem Genossenschaftswesen kennt, zu verbinden. Dies auszuloten ist durchaus eine unternehmerische Aufgabe, die dieser Artikel daher auch nicht komplett erfüllen kann.

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